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Hinter dem Lächeln der ganze Shitstorm!
18. Oktober 2015|Ich schreibe dir...

Hinter dem Lächeln der ganze Shitstorm!

Hinter dem Lächeln der ganze Shitstorm!

…und die Welt dreht sich einfach weiter! Teil II

 

Mit erhobenen Haupt…

All die beginnenden Zipperlein waren bisher bestens verdrängt, im Sinne von entmachtet, um die Zeit bestens genießen zu können. Ich wollte mich nicht kleinkriegen lassen. Was ich ja schon im letzten Tagebucheintrag schrieb „Da wird der Hund in der Pfanne verrückt…“:

„Ich bin schon durch so viel Scheiße gelatscht, habe so viel an mir gearbeitet, dass ich mich letztendlich so gut im Leben aufstellen konnte… was ich mir von dem Mopstollwut-Scheiß nicht wieder kaputt machen lassen wollte.“

Klar, ich schleppte mich auch mal durch den einen oder anderen Depri-Tag, okay… ich heulte, fluchte und jammerte… Zu Hause, allein, wo es keiner mitbekam… Schnell riss ich mich immer wieder zusammen: Ich schminkte mich, um frisch auszusehen, warf elegant ein Tuch um meine Birne, ging erhobenen Hauptes raus, spazieren oder ins Café …jucheee…!

Keiner, der mich nicht kennt, hätte würde könnte überhaupt ansatzweise erahnen und keiner, der mich kennt, annähernd alles sehen und verstehen, was gerade für ein fucking Chemo-Shitstorm auf mich einprasselte.

Wie auch? Das ist so eine verrückte Scheiße… Hier mal ein kleiner Einblick.

 

Chemo-Shitstorm-Aufzählung

Es gibt immer zwei Seiten einer Medaille. Sonnen- und Schattenseiten. Positiv und negativ. Gute und schlechte Tage. Entweder stand ich morgens beschwingt auf und tanzte zur Musik oder ich schlurfte ins Bad und stand vor dem Spiegel, sah meine kaputte Brust und musste elendig bitter weinen…

Das Taxi kam entweder nicht rechtzeitig und ich dadurch zu spät in die Praxis – M E I N Stuhl folglich belegt. Oder ich saß ab und zu ohne Begleitung auf dem Giftstuhl. Das machte mich psychisch ziemlich zu schaffen, wollte ich mir anfangs aber einfach nicht eingestehen.

Die Truppe, mit der ich in der Praxis tratschte und lachte, verkleinerte sich ratzfatz. Ich war also irgendwie: A L L E I N… unter vielen anderen… mit Krebs. Das Gefühl derEinsamkeit und Verlorensein machten sich breit. Die Nächte wurden immer schlafloser.

Und im Lotto, das ich das erste Mal spielte, hatte ich auch – verdammt nochmal – nicht gewonnen. War ja auch klar, denn spielte ich ja, weil ich dachte, ich habe keine BRCA-Mutation. Nur so aus Spaß! H A R H A R H A R !

Die Stelle, wo der Port-Katheter sitzt, nervte oftmals tierisch… die Kleidung rieb irgendwie so dermaßen beschissen darauf herum, dass ich sie mir teilweise gern wütend vom Leib gerissen hätte. Ich wollte den anderen Menschen auf der Straße aber nicht den Gefallen tun. Und einweisen lassen wollte ich mich jetzt nicht auch noch…

Ich bekam die eine Nacht höllisch schmerzende Durchfallkrämpfe. Kaltschweißgebadet saß ich stundenlang heulend auf der Toilette. Überlegte, ob ich den Arzt anrufen sollte oder nicht. Unsicher fragte ich mich: Sind es ernstzunehmende Nebenwirkungen oder ist es doch „nur“ wieder die bekackte „Endometriose“.

Dauerschwitzen und ständiges Aufwachen. Lästiges Hin- und Herwälzen in der Nacht. Selbst ins Bett habe ich mich einmal eingepisst. Ich wurde schwächer. Der Kreislauf war nicht mehr der Alte. Es puckerte, piepte oder sauste im Ohr.

Es kribbelte am ganzen Körper, als wäre ich ein Partykeller voller zugekokster Ameisen. Es piekte seltsam dort im Zeh oder Schmerz blitzte da im Finger auf. Die Puste war nach wenigen Stufen der Treppe weg. Hitzewallungen, hochroter Kopf.

Das Herz, die Knie, die Fingernägel schmerzten. Die Augen waren gequollen. Das Gesicht und der Kopf übersät mit widerlichen Pickeln. Steroidakne, sagte die Ärztin. Wegen des Cortisons. Der komische Druck auf den Zähnen nervte, die Schmerzen beim Kauen einfach ätzend.

Irgendwie konnte ich die Nebenwirkungen des Gifts für mich nicht mehr ganz verleugnen. Der Körper fing an verrückt zu spielen. Und die Psyche gleich mit. Ich desinfizierte mir zum Beispiel am Anfang ständig wie eine Zwangsgestörte die Hände, weil ich Angst hatte, mich mit irgendwas anzustecken.

Nicht jetzt krank werden. Das könnte zu gefährlich werden. Fieber. Krankenhaus. Tod. Ich bekam Angstattacken. Mein Herz stolperte, raste und klopfte an meine Schädeldecke. Manchmal wachte ich auf, weil ich dachte, wenn ich jetzt schlafe, wache ich nie wieder auf. Ich werde sterben.

Darüber hinaus machten die Werte im Blutbild zusehends einen Aufstand. Das erste Mal musste eine Chemo verschoben werden und ich mich ab und zu zusätzlich spritzen, um die Leukozytenbildung anzuregen. Ein komisches Gefühl. Es wurde realer. Da passierte was mit meinem Körper.

Ich wurde noch schwächer. Das Herz fing bei der kleinsten Bewegung an zu rasen. Die Konzentration ließ nach – immer mehr. Der Kloß im Hals wurde immer lästiger. Mein Mund ganz wund. Mir wurde übel, schwindelig und elendig. Und so langsam verließ mich dann auch noch der Appetit.

Alles wurde laut. Gespräche anstrengend. Straßen geruchsintensiv. Essen gammelig. Wasser faulig.

 

Und dann auch noch die sinnlose Kopffickerei…

Und als wäre das alles nicht schon beschissen genug. Sicher, das Leben geht weiter… Niemand, der das nicht auch durchmacht oder durchgemacht hat, kann die ganze Misere nur irgendwie ansatzweise verstehen.

Und das verlange ich auch beim besten Willen nicht. Ich verstehe es ja selbst nicht. Alle werden in dieser Zeit auf eine unglaublich harte Probe gestellt. Ich versuchte alles etwas einfacher werden zu lassen, indem ich offen über alles redete.

Und immer sagte ich zu meinen F R E U N D E N, lasst mich weiterhin an eurem Leben teilhaben. „Nur“ weil ich Krebs habe, heißt es nicht, dass das Leben, euer Leben, nicht weiter geht.

Doch sie schwiegen dort, wo ich es hätte wissen wollen. Und sie sagten da etwas, wo sie hätten schweigen sollen. Oder sie waren komplett vom Erdboden verschluckt. An einem wirklich sehr ungünstigen Zeitpunkt…

Die schlaflosen Nächte häuften sich. Ich quälte mich mit einer sinnlosen Kopffickerei herum, warum dieser Freund jenes sagte oder der andere Freund sich überhaupt erst gar nicht mehr meldete: Weil sie unsicher sind!? Weil sie unwissend sind!? Weil sie egozentrisch sind!? Weil sie…

Arschbacken zusammen kneifen. Und weiter… Noch schneller als sonst, musste ich versuchen, negative Vibes draußen zu lassen, um die Kräfte für den Kampf gegen den Krebs zu sparen.

Doch einfacher als sonst war das alles wahrlich auch nicht. Ich könnte jetzt schreiben, dass ich durch die Krankheit schon einiges verlor und wahrscheinlich noch eine Menge verlieren werde. Das stimmt bestimmt. Aber jeder Scheiß hat immer ein ansehnliches Vorder- U N D Hinterteil.

Und auch O H N E den Krebs würde ich das eine oder andere verlieren. Nur fühlt sich das alles M I T dem Krebs um vieles intensiver an. Es ist: Schmerzhafter. Trauriger. Fieser. Grausamer. Unfairer.

Das Unumgängliche entwickelt sich einfach viel schneller und knallharter. Und nicht zu vergessen: Irgendwie ist jeder Verlust auch ein Gewinn. Aber das ist nochmal ein ganz eigenes Thema…

 

Die Welt drehte sich weiter…

Die Welt drehte sich weiter. Und ich kam irgendwie einfach nicht mehr hinterher…

Die Sache spitzte sich sowas von zu. Ich konnte mich nicht mehr pausenlos aufrecht halten. Ich konnte nicht einmal meinen Geburtstag genießen. Dabei ist doch gerade jetzt das Älterwerden sowas von partywürdig, dachte ich so.

Viele Freunde waren da. Meine Mutter. Aber ich war total im Arsch. Lächelte. Setzte mir zwischendurch eine Spritze. Pustete die Kerzen aus. Nahm eine Anti-Übelkeitspille. Packte Geschenke aus. Ich musste mir eingestehen: Der Scheiß zwang mich langsam in die Knie.

Geburtstagskuchen aufgegessen, Geschirrspüler angestellt, Mutti zum Bahnhof gebracht. Auf der Bank in der Sonne angekommen… runterkommen… den Shitstorm einpacken, verdauen und verstauen.

Ausgelaugt. Am Ende. Verzweifelt und verheult. Wieder allein zu Hause. Mit vielen Fragen im Kopf: Ich? Krebs? Single? Allein? Einsam? Warum ich? Kann ich dem Ganzen noch weiterhin meine Stirn bieten und kraftvoll durch die Scheiße stratzen?

Zu dieser Zeit hatte ich 12 Mal Paclitaxel und 9 Mal Carboplatin geschafft. Das erste Paket an Zytostatika ist in, durch und teilweise hoffentlich auch wieder aus meinem Körper geflossen. Seit der Diagnose sind knapp 5 Monate, bzw. ca. 19 Wochen oder genauer: insgesamt 134 Tage, vergangen.

Nun standen mir noch 4 Mal EC (Epirubicin + Cyclophosphamid) bevor. Alle 2 Wochen. Insgesamt 8 Wochen, also 2 Monate. Und irgendwie hatte ich eine verfickte scheiß Angst davor…

 


Ein kleiner Auszug zum Thema Nebenwirkungen bei Chemotherapie:

„[…]

Die Zytostatika wirken zielgerichtet auf Zellen, die sich schnell teilen. Daher werden auch normale Körperzellen mit den gleichen Eigenschaften angegriffen: die blutbildendenden Zellen des Knochenmarks, die Zellen der Haarwurzeln, die Magen- und Darmschleimhautzellen sowie die Zellen der Mundschleimhaut.

Entsprechend häufige Nebenwirkungen – abhängig von den jeweiligen eingesetzten Zellgiften und deren Dosierung – sind daher Haarausfall, Übelkeit und Erbrechen, Durchfall, Schleimhautentzündungen, Abgeschlagenheit und chronische Müdigkeit (Fatigue), Appetitlosigkeit, allgemeines Unwohlsein und Blutbildveränderungen.

Von der Schädigung der Blutbildung im Knochenmark merkt die Patientin in der Regel erst bei ausgeprägter Beeinflussung etwas. Dies ist am Blutbild sichtbar, das nach jedem Zyklus bestimmt wird und äußert sich in Fieber, Blutungen oder einer ausgeprägten Schwäche. […]

Bei einigen der Zellgifte können zusätzliche Nebenwirkungen mit möglicherweise anhaltenden Störungen auftreten. Eine Herzschädigung ist […] möglich […]. Nervenschmerzen (Polyneuropathie) können […] hervorgerufen werden.

Eine noch relativ wenig untersuchte Nebenwirkung der Chemotherapie ist die Beeinträchtigung des Konzentrations- und Erinnerungsvermögens, über die nicht wenige Patientinnen während der Therapie und oft darüber hinaus klagen (sog. „Chemobrain“).

[…]“

Quelle: www.mamazone.de

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Hi, ich bin Ulrike...

...erst war da die Diagnose: Brustkrebs! Ich nenne es mit etwas Galgenhumor: Mopstollwut!

Das Lachen bleibt. Es ist die beste Medizin. Lach mit mir mit!

Was die Mopstollwut mit mir macht und ich mit ihr... Das könnt ihr in meinem Blog lesen!